Tränen einer Muse
Die Wolken waren, wie immer, mit einer gräulich schmutzigen Decke eingebettet, während Herr S. verdrossen und schwitzend vom schallenden Ton des Weckers gestört wurde. Er schlief nicht. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Nachdem er sich kurz durch seine fettigen Haare fuhr öffnete er die Schnapsflasche, die er vor einer Woche an Weihnachten aus dem Keller seines Vaters gestohlen hatte. Er trank einen Schluck, fuhr sich erneut durch die schüchterne Haarpracht und zündete sich eine Zigarette an. Anschließen erhob er sich um in die Küche zu gehen. Als er die verstaube Türschwelle erreichte, die seinen Schlafbereich vom Flur trennte, brach er aber kümmerlich zusammen und verkroch sich weinend und jammernd in einer dunklen Ecke.
Als Herr Dr. K im Beratungszimmer hinter seinem Schreibtisch saß und seine Unterlagen auf ein Gespräch mit Maria Mors vorbereite, die Hilfe brauchte da ihr Mann sie oft schlug und sie sich nicht scheiden lassen konnte, da sie nur durch die Heirat nach Deutschland kommen konnte, verbarg er ein kleines, von Glück gezeichnetes Lächeln, weil er an seine Ehefrau und seine zwei Töchter Jana und Lea denken musste.Er liebte sie so sehr und freute sich auf das geplante Freitagspicknick, was an diesem Nachmittag stattfinden sollte.
Sorgfältig und beinahe schon zwanghaft legte er seinen Kugelschreiberneben seinen Notizblock, welcher neben Marias Akte lag. Es klopfte…
Mittlerweile hatte Herr S. die Küche erreicht ,setzte sich mit einem verweinten Gesicht an den Frühstückstisch und bereitete sich ein Fertiggericht zu. Während er wie hypnotisiert auf die Mikrowelle starrte und die endlosen Umdrehungen seiner Speise beobachtete, musste er wieder an damals denken. Nicht..Nein daran darf ich nichtmehr denken..Nein..Er ging mit unterdrückter Eile nochmals in seinen Schlafbereich um etwas Schnapps zu trinken.
Sein Frühstück war fertig und ein kurzes, schrilles Piepsen kam aus der Küche als er mit gesenktem Haupt auf dem Bett saß. Er hatte eigentlich keinen Hunger. Mühseelig erhob sich der Behäbige und schlenderte gen Badezimmer. Er wollte Duschen. Er hatte seit damals nichtmehr geduscht.”.. Vielleicht hilft es ja..vielleicht kann ich somit alldas abwaschen..ach…ich habe damals so unerwachsen gehandelt..ach hätte ich doch blos…”dachte er bei sich während er die Temparatur des Wassers optimierte. Er zog seine Kleidung ausbetrat die Dusche und zog den Duschvorhang zu…
12.45..Herr Dr. K erhob sich mit einem mittevierziger Stöhnen von seinem Sessel und war froh, für heute hatte er genug gearbeitet. Wieder beinahe zwanghaft räumte er pingelich seine Aktentasche ein. Als er fertig war und den Raum verlassen wollte, warf er nochmals einen bedächtigen Blick auf seinen Schreibtisch um sicherzugehen, dass er nichts vergessen hatte. “Heute wird ein toller Familientag, es wäre ärgerlich wenn ich nochmal ins Büro fahren muss…”.
Er verlies das Zimmer und ging zum Treppenhaus. Er nahm nie den Fahrstuhl. Es war ihm zu gefährlich. Im Parkhaus angekommen ging er zu seinem roten Ford Fiesta und machte sich auf den Weg nach Hause…
“Das war gut”, dachte Herr S. als er aus der Dusche stieg und zum Handtuch griff. Anschließend zog er sich ordentlich an. Er hatte beschlossen einen Arzt aufzusuchen. Keinen Medizinier. Einen Seelenklemptner. Er wollte sich wieder ins Berufsleben integrieren und einen Neustart versuchen.
Er verließ die Mietwohnung und ging Richtung Bushaltestelle, als ihn plötzlich eine hübsche Südländerin versehentlich anrempelte. Sie sagte nix, sie ging nur mit schnellen Schritten weiter und verbarg, dass sie weinte. Er folgte ihr, er wollte ihr helfen. Er rief, dass sie stehen bleiben soll, doch sie ging weiter und weiter..Als sie um die Ecke ging rannte er los..er Musste ihr helfen, vielleicht würde es ja seine Schuldgefühle linder…Da ist sie..Er rief erneut und sie blieb stehen. Er ging auf sie zu. Er fragte nach ihrem Namen. Sie Antwortete”Ich bin Maria.”
“Was für ein schöner Name. Kann ich dir irgendwie helfen..?” Da sah sie ihn nur an. Sie war glücklich, denn niemand sonst wollte ihr helfen.
Nach einer längeren unterhaltung wollten sie dann die Straße überqueren um ins Cafe zu gehen. Doch plötzlich..ein kurzer Schrei, eine schrillende Bremse..ein lauter Stoß..ein roter Ford Fiesta raste gegen eine Wand..
Maria lag auf der Straße, ihre Augen waren offen und doch war sie so regungslos..und neben ihr, neben ihr lag Herr S., er lag so friedlich auf der Straße und man erkannte sogar, man erkannte sogar, dass er für einen kurzen Moment glücklich gewesen ist…
Später trafen Polizei und Krankenwagen ein, um den Unfallsort abzuriegeln. Zu spät..
Ein Text von Alexander Paszek